Gerty-Spies-Literaturpreis

Seit 1996 verleiht die LpB den mit 5.000,- EUR dotierten Gerty-Spies-Literaturpreis.
Mit diesem Preis werden literarische Arbeiten zu gesellschaftspolitischen Themen gefördert.
Der Preis ist nach der 1897 in Trier geborenen Schriftstellerin Gerty Spies benannt worden. Als Jüdin wurde sie 1942 ins KZ Theresienstadt deportiert. Dort begann sie zu schreiben, um auch geistig zu überleben. Gerty Spies starb im Alter von 100 Jahren am 10. Oktober 1997 in München. Ausführlicher werden Sie in unserm Blatt zum Land, „Die Schriftstellerin Gerty Spies", informiert.
Bisher wurde mit dem Gerty-Spies-Literaturpreis ausgezeichnet:
- Jean-Philippe Devise (1996)
- Dr. Christiane Schmelzkopf (1998)
- Gabriele Weingartner (2000)
- Johano Strasser (2002)
- Ruth Almog (2004)
- Peter Härtling (2006)
- Katja Lange-Müller (2008)
- Juli Zeh (2009)
- Günter Wallraff (2010)
- Christoph Hein (2011)
F.C. Delius erhält den Gerty-Spies-Literaturpreis 2012
Der Schriftsteller Friedrich Christian Delius wird „für seine ‚diskursiven Stolpersteine’ zu den bundesrepublikanischen Zuständen“ mit dem Gerty-Spies-Literaturpreis 2012 der Landeszentrale für politische Bildung Rheinland-Pfalz (LpB) ausgezeichnet. Diese einstimmige Jury-Entscheidung teilte deren Vorsitzender Dr. Dieter Schiffmann, Direktor der LpB, in Mainz mit:„Mit F.C. Delius zeichnet die Jury einen Literaten aus, dessen Charakterstudien der Bundesrepublik kritische Bestands-aufnahmen der Macht eines Staates sind, der nach verlorenem Weltkrieg die Demokratie mühsam erlernen musste. In Umkehrung dieser Perspektive tauchen aber auch immer wieder Opfer der Macht, Rebellen gegen Herrschaftsstrukturen als ‚Helden‘ in seinen Romanen und Er-zählungen auf. Delius verfasst keine Tatsachen- oder Enthüllungsromane, er ist vielmehr ein Chronist der „Irrsinnsgeschichte“ der Bundesrepublik Deutschland, immer aber auch bemüht, die Vielfalt der Argumente, Differenzen, Geschichten, Debatten fördern zu helfen. ‚Als die Bücher noch geholfen haben‘, heißen seine biografischen Skizzen von 2012. Damit sie weiterhin helfen, verleiht die Landeszentrale für politische Bildung den Gerty-Spies-Preis des Jahres 2012 an F. C. Delius.“ F.C. Delius erhält den Gerty-Spies-Preis am 27. September 2012 im Foyer des Landesfunkhauses des SWR in Mainz überreicht. Der Preis der Landeszentrale ist mit 5.000 € dotiert.
Gerty-Spies-Preis 2011
Der Schriftsteller, Übersetzer und Essayist Christoph Hein erhält 2011 den Gerty-Spies-Literaturpreis der Landeszentrale für politische Bildung Rheinland-Pfalz (LpB).
Christoph Hein, in Heinzendorf/Schlesien am 8. April 1944 geboren, zog nach dem Krieg mit seiner Familie nach Bad Düben bei Leipzig. 1967 - 1971 studierte er Philosophie und Logik an der Universität Leipzig und dann an der Humboldt Universität Berlin. Von 1974 bis 1979 arbeitete Hein als Hausautor an der Volksbühne Berlin. Der Durchbruch gelang ihm 1980 mit „Einladung zum Lever Bourgeoise". Sein erfolgreichstes Werk war 1983 „Die Wahre Geschichte des Ah Q". Er übersetzte u.a. Werke von Jean Racine und Molière. Von 1998 – 2000 war Christoph Hein erster Präsident des gesamtdeutschen PEN-Clubs. Bis Juli 2006 war Hein Mitherausgeber der Wochenzeitung „Freitag".
Der Vorsitzende der Jury, Dr. Dieter Schiffmann, Direktor der LpB, zur einstimmigen Entscheidung:
„Die Jury würdigt mit Christoph Hein einen Preisträger, der in zwei Gesellschaftsformen nicht nur seine literarische Qualität bewiesen, sondern sich jeweils mit unverwechselbarer Stimme für Gerechtigkeit engagiert hat. Er ist ein ’bestechend unbestechlicher’ Intellektueller, der leichte Lösungen und fertige Programme verweigert, und dabei einer der genauesten Chronisten deutscher Geschichte und Gegenwart. Sein Werk prägt meist der Kampf des Einzelnen, der oft Außenseiter ist, gegen die akute Bedrohung der Gesellschaft durch Gewalt und Barbarei. Mit seinen denkwürdigen Reden, z.B. 1989 in Leipzig und Ostberlin, mischt er sich immer auch über den Tag hinaus weisend in gesellschaftliche Großdebatten ein. Der Gerty-Spies-Preis für Literatur 2011 geht zu Recht an einen wirklich außergewöhnlichen Preisträger."
Gerty-Spies-Preis 2010
Der Gerty-Spies-Preis 2010 wurde am 30.9.2010 durch Kultur-Staatssekretär Walter Schumacher an den Schriftsteller und Journalisten Günter Wallraff verliehen. (Pressemitteilung zur Preisverleihung)
Die Laudatio auf Günter Wallraff hielt der thüringische Schrifsteller Landolf Scherzer. Auszüge aus seiner Rede wurden am 9.10.2010 in der Zeitung "Neues Deutschland" abgedruckt: "Die einfache Wahrheit? Landolf Scherzer: Lobrede auf Günter Wallraff".
In seiner Begrüßung zur Veranstaltung im Foyer des SWR-Landessenders Rheinland-Pfalz in Mainz führte der Direktor der Landeszentrale für politische Bildung Rheinland-Pfalz, Dr. Dieter Schiffmann, u.a. aus:
"Der Zuspruch zur heutigen Veranstaltung ist überwältigend gewesen. Mehr geht hier fast nicht.
Ich freue mich im Namen der Landeszentrale für politische Bildung, Sie alle ganz herzlich begrüßen zu können. Wenn ich vermute, dass es das Schaffen und die Person des diesjährigen Preisträgers sind, die unserer Veranstaltung die besondere Attraktivität verleihen. Und damit bestätigen Sie auch indirekt die Entscheidung der Jury des Gerty-Spies-Preises.
Als erstes begrüße ich deshalb ganz herzlich den diesjährigen Preisträger, Günter Wallraff mit seiner Frau, und mit ihm den Laudator Landolf Scherzer aus dem mit Mainz vielfältig und nicht nur historisch verbundenen Erfurt. Ich freue mich, dass er mit dem Hintergrund seiner ganz besonderen Freundschaft mit Günter Wallraff, die ja auch eine Ost-West-Freundschaft ist, und mit dem ganz speziellen Blick desjenigen, der vor und nach 1989 die real existerenden Verhältnisse in der DDR und später in Ostdeutschland erlebend durchleuchtet hat, also als „Grenzgänger“ die Würdigung des Preisträgers übernommen hat.
Als Vertreter von Ministerin Doris Ahnen begrüße ich Herrn Kulturstaatssekretär Walter Schumacher bei seiner Premiere beim Gerty-Spies-Preis, wiewohl die Spielfläche SWR für ihn ja beileibe kein Neuland ist.
..................
„Mit dem Gerty-Spies-Preis sollen literarische Arbeiten zu gesellschaftspolitischen Themen gefördert werden.“ So steht es in der Satzung und so stellt es sich jedes Mal als Herausforderung der Jury bei ihren Überlegungen. Ich denke, die Jury hat auch in diesem Jahr unter diesen Kriterien richtig entschieden.
Nach Preisträgern und Preisträgerinnen wie Peter Härtling, Katja Lange-Müller und Juli Zeh, die sich überwiegend des Mittels der literarischen Fiktion für ihre Auseinandersetzung mit deutscher Geschichte und Gegenwart bedienen, jetzt ein Preisträger Günter Wallraff, der für politische Literatur, für Sachliteratur steht. „Mit Sachliteratur,“ so habe ich gelesen,“ bezeichnet man diejenigen literarischen Werke, die sich mit Fakten befassen“. Der andere Ausdruck dafür ist „Non Fiction“. Ja, das, was Günter Wallraff in seinen aufrüttelnden Reportagen aus dem unsichtbaren Alltag der Republik beschreibt und anklagt: Das ist leider keine Fiktion, das ist harte, schmerzliche Realität. „Wallraff“, schrieb Heinrich Böll 1970 schon, „dringt in die Situation, über die er schreiben möchte, ein, unterwirft sich ihr und teilt seine Erfahrungen und Ermittlungen in einer Sprache mit, die jede 'Überhöhung' vermeidet“.
Seit Jahrzehnten findet er sich nicht mit den realen politisch-gesellschaftlichen Verhältnissen ab. Seine Geschichten aus den Rändern, aber auch der Mitte deutscher Realität, aus der angeblich ‚schönen neuen Welt’ kommen nicht abstrakt akademisch daher. Sie entfalten Wirkung, gerade weil sie authentisch und wahrhaftig Fehlentwicklungen durch recherchierendes Mit-Erleben dokumentieren. Diese besondere Form der Recherche, monatelang ‚undercover’ in sonst verschlossene Winkel deutscher Wirklichkeit einzutauchen, und ihre literarische Verarbeitung, macht Günter Wallraff in vielfacher Weise ‚anstößig’, verleiht ihm aber gerade die öffentliche Resonanz, die zur Veränderung notwendig ist.
Da wesentliches Ziel politischer Bildung informierte kritische Bürger sind, die sich einbringen in die Gestaltung von Politik und Gesellschaft, hat der Gerty-Spies-Preis für Literatur 2010 einen wirklich würdigen Preisträger."


