Startseite    Kontakt/Impressum    Sitemap    Downloads    Newsletterabo    Suche:

Kosovo am Scheideweg

22. 2. 2008
Ort: Mainz, Landeszentrale für politische Bildung
Zielgruppe: Studierende, Politiker, Politikwissenschaftler, friedenspolitisch Interessierte, Soldaten und Journalisten
Veranstalter: Landeszentrale für politische Bildung
Kooperationspartner: Projektgruppe Zivile Konfliktbearbeitung Rhein-Main
Ansprechperson: Dr. Rüdeger Schlaga
E-Mail-Kontakt: friedensarbeiterin@pax-christi.de

folder_kosovo_final_klein.pdf

Kees Wiebering, Referent der ersten Veranstaltung der Projektgruppe Zivile Konfliktbearbeitung Rhein-Main die am 22. Februar 2008 stattfand, kam direkt aus dem Kosovo. Dort hatte er sich in den letzten Tagen im unmittelbaren Umfeld der einseitigen Unabhängigkeitserklärung durch das Parlament des Kosovo aufgehalten. Wiebering war zuvor von 2000 bis 2003 als Friedensfachkraft im Kosovo eingesetzt.  Zu Beginn seines Vortrages informierte er über Geschichte und Politik der letzten knapp 20 Jahre des Kosovo.
Er machte den TeilnehmerInnen dieser sehr gut besuchten Veranstaltung die Brisanz des Konfliktes und seine besondere Komplexität deutlich. Die zwei Millionen Bewohner des in Serbien liegenden Kosovos setzen sich aus etwa 90% Albanern und 10% Serben zusammen. Amtsprachen sind Serbisch und Albanisch, in der Praxis kommen noch einige andere hinzu, wie etwa Türkisch, Bosnisch und andere slawische Sprachen. Der serbische Teil der Bevölkerung des Kosovos gehört dem serbisch-orthodoxen Glauben an, der eine identitätsbestimmende Rolle für seine Anhänger einnimmt. Die albanischen Kosovaren sind muslimischen oder römisch-katholischen Glaubens und leben eher nach dem laizistischen Prinzip bzw. wird ihr Alltag nicht von ihrem Glauben dominiert. Schon bei dieser Darstellung von Fakten wurde deutlich, dass die Gemeinsamkeiten zwischen Albanern und Serben in Serbien bzw. dem Kosovo eher gering und daraus resultierende Schwierigkeiten nur schwer zu überwinden sind.
Das angespannte Verhältnis zwischen den beiden Gruppen spitzte sich 1999 im Kosovo-Krieg zu. Heute setzt es sich in den ungeklärten Problemen der Flüchtlingsrückkehr, von Eigentums- und Entschädigungsfragen sowie in massiven wirtschaftlichen Problemen fort.
Im zweiten Teil seines Vortrages stellte Kees Wiebering die von ihm geleistete Arbeit der zivilen Konfliktbearbeitung vor. Er war anfänglich für Pax Christi in den Kosovo gegangen und hatte dort zusammen mit örtlichen Nichtregierungsorganisationen in der Region Prizren das Projekt „Runder Tisch für Rückkehrer“ ins Leben gerufen, das sich dem Problem der Rückkehr serbischer, albanischer und anderer Vertriebener in den Kosovo widmete. Durch das Projekt sollte dem Mangel an objektiven Informationen über Rechte und Pflichten begegnet und der Dialog, die Kommunikation zwischen den beteiligten Volksgruppen wieder hergestellt werden. Er kritisierte dabei, dass der Konflikt von der Gesamtheit der internationalen Gemeinschaft geschürt worden sei, in dem diese immer wieder die unterschiedliche ethnische Zugehörigkeit bzw. Herkunft der Konfliktparteien betont haben. Durch eine ständige Betonung der Verschiedenartigkeit der Konfliktparteien seitens der internationalen Beobachter und der Eingreifenden wurde das Beenden des Konfliktes praktisch noch erschwert. Mit Berufung auf die unterschiedliche ethnische Zugehörigkeit konnten sich die Streitenden der aktiven Konfliktbearbeitung verwehren.
Neben dem Erfahrungsbericht über sein Projekt reflektierte Wiebering auch über die Arbeit der zivilen Friedensdienste im Kosovo allgemein: Friedensfachkräfte müssten, so seine Empfehlung, darauf achten integrierende, deeskalierende Aktivitäten seitens der Zivilbevölkerung anzuerkennen und „Belohnungen“ und Kooperationen nicht an Identitäten oder Zugehörigkeiten, sondern an konkretes Verhalten und Agieren knüpfen.
Das Fazit des Referenten: Für die zukünftige Konfliktbearbeitung sei es unerlässlich, lokale Kräfte für den zivilen Friedensdienst zu mobilisieren, die ihre eigenen Bedürfnisse formulieren und verfolgen. Es müsse darauf geachtet werden, dass sich bei der Zivilgesellschaft nicht das Gefühl der Bevormundung einstellt. Die Problembearbeitung dürfe nicht ausschließlich von ausländischen Organisationen übernommen werden. Dadurch könne sogar der Eindruck der Entmündigung entstehen. Es ist für die Friedensförderung absolut notwendig, die Bevölkerung in die Problembearbeitung einzubinden und sie anzuleiten schnellst möglich diese Arbeit eigenständig zu übernehmen, damit sie ihren primären Bedürfnissen entsprechend tätig werden können.
Schon während und auch im Anschluss an den Vortrag wurde sehr intensiv und -  besonders durch anwesende TeilnehmerInnen aus der Region - sehr kontrovers diskutiert. Manches an Undurchschaubarkeiten wurde für die TeilnehmerInnen transparenter, verständlicher. Es war zwar ein schwieriger, jedoch auch ein außerordentlich informativer Nachmittag für alle Beteiligten.








<< Zurück

 
Menschen in einem Hörsaal